Essay 2
Strukturalismus
Erläutere die zentralen Interessen des Strukturalismus Lévi-Strauss’scher Prägung. Wie ist die Bedeutung des strukturalistischen Ansatzes aus heutiger Sicht zu bewerten, auf welche Forschungsbereiche konzentrierten sich nachfolgende AnthropologInnen und warum?
1. Begriffserklärung
Der Strukturalismus ist eine interdisziplinäre Theorie, die sowohl in der Ethnologie als auch in der Linguistik des frühen 20. Jahrhunderts ihren Ursprung sieht, aber ebenso andere verwandte Disziplinen (Semiotik, Mathematik, Geschichte, Philosophie, Psychologie) stark beeinflusste. [1]
Ebenso wie der Struktur-Funktionalismus eines Radcliffe-Brown, beschäftigt sich der Strukturalismus mit sozialen Phänomenen, dennoch ist der zweiten Disziplin eigen, dass sie sich eher auf die Beziehungen der Phänomene zueinander konzentriert als auf diese selbst. Dies bedeutet, dass die Betrachtung der einzelnen Elemente sozialer Phänomene nicht die Bedeutung dieser selbst erschließt, sondern, dass erst durch die Verbindung und die Beziehung der Einzelheiten zueinander eine tiefere Bedeutung und in späterer Folge ein System konstruiert werden kann. [2]
Um soziale und kulturelle Phänomene überhaupt analysieren zu können, ist es notwendig, die Organisation dieser Systeme von Beziehungen zu erforschen, welche schlussendlich zur eigentlichen Struktur führt. [1] Ebenso essentiell ist der holistische Ansatz, der einen vom Ganzen ausgehen lässt und besagt, „(...) dass die Gesetze der höheren Bereiche in vereinfachter Form auch für die jeweils niederen gelten“. [3]
Weiters bedient sich der Strukturalismus der deduktiven Beweisführung, bei welcher man vom Allgemeinen auf das Besondere schließt.
Der Strukturalismus beschäftigt sich aber nicht nur mit gesellschaftlichen Strukturen, sondern auch mit den Grundstrukturen des menschlichen Denkens.
Als anthropologische Disziplin ist der Strukturalismus primär mit dem französischen Philosophen und Anthropologen Claude Lévi-Strauss in Verbindung zu bringen, auf welchen ich im Folgenden näher eingehen werde:
2. Claude Lévi-Strauss
2.1. Biographisches
Claude Lévi-Strauss wurde 1908 in Brüssel als Sohn eines Künstlers geboren. Von 1927 bis 1932 studierte er Rechtswissenschaften und Philosophie in Paris und wurde schließlich von 1934 bis 1938 Professor für Soziologie an der neu eröffneten Universität von Sao Paulo. [4]
Von dort aus unternahm er einige Reisen ins brasilianische Amazonasgebiet, wo auch seine erste Feldforschung bei den Bororo-Indianern stattfand. Dennoch betrieb Lévi-Strauss Feldforschung nicht im Sinne eines Malinowski, seine Amazonas-Touren waren eher im Stil zwischen Armchair Anthropologists und den Langzeitstudien der britischen und französischen Anthropologie. [5]
Während des zweiten Weltkrieges ging Lévi-Strauss ins Exil nach New York, wo er auf die strukturale Linguistik Roman Jakobsons und auf den Kulturrelativismus des Franz Boas trifft.
Als weitere Einflüsse sind außerdem die frühe britische Anthropologie (Tylor, Frazer), Freuds Psychoanalyse, De Saussures linguistische Theorien, die Hegelianische Dialektik, und die Idee des Austausches von Mauss zu nennen.
Karl Marx prägte ebenso sein Denken, dies wird besonders in der Arbeitsweise, nicht nur Tiefenstrukturen mit Oberflächenstrukturen, sondern auch Tiefenstrukturen untereinander zu vergleichen, deutlich. [6]
2.2. Arbeitsweise
Aus eben genannten Einflüssen heraus entwickelte Levi-Strauss seine Theorie der Struktur als System von Beziehungen, in welcher die Natur der Beziehung gleich bleibt, auch wenn sich ihr Inhalt verändert. [7] Laut Lévi-Strauss kann man Kultur durch Strukturen erklären, die einheitlich und miteinander vergleichbar sind. In seinem Werk „Les structures élementaires de la parenté“ (Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft) widmet er sich diesem Thema ausführlich.
Lévi-Strauss ist also in seiner Theoriebildung stets darum bemüht, in allen sozialen und kulturellen Phänomenen eine gleiche oder ähnliche Struktur zu finden, die dieses selbst erklärt. [8] Somit ist der Strukturalismus nach Lévi-Strauss daran zu erkennen, dass ihm eine Zerlegung des zu erforschenden „Materials“ zugrunde liegt, um mit den abstrahierten und unveränderlichen Einzelteilen eine Art Modell zu bilden, das einen universellen Charakter aufweist. Diese kleinsten Einheiten müssen „(...) so angeordnet sein, dass die Veränderung eines von ihnen eine Veränderung aller übrigen nach sich zieht“[9]
Zu Lévi-Strauss wichtigsten Werken zählen „Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft“ (1949), „Traurige Tropen“ (1955), „Das Wilde Denken“ (1962), sowie das vierbändige „Mythotologica“ (1964-1971). [10]
In diesen Werken konzentriert er sich vorrangig auf zwei große Themenbereiche: Mythos und Verwandtschaft – im Besonderen geht er hierbei auf die sozialen Bande zwischenmenschlicher Beziehungen ein. Lévi-Strauss ist stets darum bemüht, einfache binäre Strukturen herauszufiltern, welche sich immer auf die Grundgegenstände zwischen Natur und Kultur beziehen. Er sucht also nach den elementaren menschlichen Denkstrukturen, die auf biologischen Tatsachen beruhen, das heißt, er nimmt an, dass die biologische Grundausstattung bei jedem Menschen ident ist. [11]
Wie bereits erwähnt, wurden Lévi-Strauss Theorien wesentlich geprägt durch die strukturalistische Linguistik und ihre Vertreter Ferdinand De Saussure und Roman Jakobson. Von diesen übernimmt er die Unterscheidung binärer Oppositionspaare. Eines dieser Gegensatzpaare ist das der „langue“ und der „parole“. Unter Langue versteht man die Sprache als abstraktes System von Zeichen, während Parole das Sprechen selbst, genauer einzelne sprachliche Äußerungen, bezeichnet. Wichtig daran ist, dass die einzelnen sprachlichen Äußerungen im Laufe der Zeit weitergegeben werden, die Sprache selbst ist jedoch fest verankert und unveränderlich in der Zeitspanne dieser Äußerungen. [8]
Die strukturalistische Sprachwissenschaft geht davon aus, dass das menschliche Denken mitunter durch Sprache bestimmt wird. Die Betrachtung dieser kann entweder synchron (gegenwartsbezogen) oder diachron (geschichtsbezogen) erfolgen.
Der Ansatz hinter diesen Theorien ist, dass menschliche Denkstrukturen Strukturen der Natur wiedergeben bzw. nachahmen. [12] Als Beispiel hierfür dienen Verkehrsampeln, welche mit ihrem natürlichen Farbspektrum von rot, gelb und grün, die von der Natur gegebene Assoziation widerspiegeln (rot-Gefahr, etc.).
Diese Denkprozesse sind in allen Gesellschaften gleich, nur ihr Ausmaß ist variabel.
In den „Elementaren Strukturen der Verwandtschaft“ konzentriert sich Lévi-Strauss auf die Heiratsbeziehungen verschiedener Kulturen, welche neue soziale Strukturen schaffen. Mit dieser Allianztheorie bringt er einen innovativen Ansatz in die ethnologische Analyse von Verwandtschaftsbeziehungen, da bis zu jenem Zeitpunkt ausschließlich Abstammungs-, bzw. Deszendenzmuster untersucht wurden. Wie sich nach vorangegangenen Ausführungen zu Lévi-Strauss vermuten lässt, sucht er auch hierbei wieder nach der Struktur, nach der elementarsten und unveränderlichsten Form, die existiert. [13]
Weiters widmet er sich in diesem Werk auch dem Inzest-Tabu, das in jeder Gesellschaft der Welt zu existieren scheint, da es universell ist, ist es zugleich auch natureller Natur [14] - zu unterscheiden sind jedoch einfache und komplexe Verwandtschaftssysteme. Einfache oder elementare Strukturen sind in Gesellschaften mit positiven Heiratsregeln (Vorgabe, wer zu ehelichen ist) zu finden, während komplexe in solchen mit negativen Heiratsregeln (wenig Verbote) auftreten.
Lévi-Strauss entwickelt Mauss Idee des Austausches weiter, indem er davon ausgeht, dass einer Heirat immer der Akt des Tausches zugrunde liegt. Diese Theorie des Frauentausches ist jedoch von anderen Wissenschaftern (u.a. Heritiér) revidiert worden und daher aus heutiger Sicht überholt und als falsch zu beurteilen. [15]
Die Werke „Das Wilde Denken“ und „Mythotologica 1-4“ befassen sich mit der Mythenanalyse. Im Letzteren bedient er sich erneut der strukturalistischen Methode, um süd- und nordamerikanische Mythen miteinander zu vergleichen und schließlich zu der Erkenntnis zu kommen, dass sie einander sehr ähneln. Die zwei essentiellsten Oppositionspaare, die Lévi-Strauss in diesen Mythen erkennt, sind die zwischen „nackt und bekleidet“ und „roh und gekocht“. [16]
3. Schlussfolgerung
Da der Rahmen dieses Essays nicht ausreicht, um detailliert auf Lévi-Strauss Theorien einzugehen, seien hier die essentiellsten Ansätze erwähnt: er zeigt, dass es in allen Kulturen und Gesellschaften – so unterschiedlich diese auch sein mögen - grundsätzliche Gemeinsamkeiten in den Denkstrukturen gibt. Er setzt die Form vor den eigentlichen Inhalt und versucht in allen Phänomenen eine einheitliche Struktur zu finden, die diese selbst erklärt.
Lévi-Strauss beeinflusste zahlreiche nachfolgende Anthropologen (Godelier, Meillassoux, Heritier, Leach, Douglas, Das, u.v.a.), ebenso wie die strukturale Anthropologie auch auf andere Nachbardisziplinen (Soziologie, Philosophie, Semiotik, Systemtheorie, Psychoanalyse, etc.) Auswirkung hatte - auch wenn jede dieser Disziplinen ihren eigenen Schwerpunkt hegte. [16]
Vor allem für die Verwandtschaftsforschung war er mit seiner Allianztheorie wegweisend.
Viele Methoden des Strukturalismus wurden im Postrukturalismus (Barthes, Foucault, Lyotard, Bourdieu, u.v.a)widerlegt.
[17]
Angezweifelt wurden an Lévi-Strauss sowohl seine Fähigkeiten in der Feldforschung, als auch die Universalität einiger seiner Theorien (Frauentausch, Binarität im menschlichen Denken). Weiters wurde behauptet, dass er vorschnell interpretierte und dabei ethnographisches Material außer Acht ließ. Er war außerdem ein Verfechter der synchronen Betrachtungsweise, welche ihm den Ruf der Geschichtsfeindlichkeit einbrachte. [18]
4. Quellenangabe
PARKIN, Robert: Durkheim and His Era, in: Barth, Fredrik, u.a.: One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago: The University of Chicago Press 2005
LEACH, Edmund: Claude Lévi-Strauss zur Einführung. Dresden: Junius Verlag GmbH 1991
KOHL, Karl-Heinz: Ethnologie – die Wissenschaft vom kulturell Fremden. Eine Einführung. München: Beck 1993
PLATENKAMP, Jos D.M.: Strukturalismus in der Ethnologie, in: Fischer, Hans und Beer, Bettina (Hg.): Ethnologie. Einführung und Überblick. Berlin: Reimer Verlag 2003
HIRSCHBERG, Walter: Wörterbuch der Völkerkunde. Berlin: Reimer Verlag 1999
BARNARD, Alan: History and Anthropology. Cambridge Univ. Press 2004
http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~tkirrste/claude_levi_strauss.html) am 10.01.2006
http://www.philolex.de/struktur.htm am 10.01.2006
http://www.wissen.de/ am 10.01.2006
[1] vgl. Platenkamp 2003:295f
[2] vgl. Hirschberg 1999:358
[3] zit. www.wissen.de
[4] vgl. Leach 1991:11
[5] vgl. Parkin 2005:208
[6] vgl. Parkin 2005:209f
[7] vgl. Parkin 2005:210
[8] vgl. Kohl 1993:142
[9] zit. Kohl 1993:143
[10] vgl. Leach 1991:12f
[11] vgl. Leach 1991:28
[12] vgl. Leach 1991:23f
[13] vgl. Leach 1991:107fff
[14] vgl. Parkin 2005:212
[15] vgl. Kohl 1993:141
[16] vgl. Kohl 1993:143
[17] vgl. http://www.philolex.de/struktur.htm
[18]vgl.http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~tkirrste/claude_levi_strauss.html)
