Saturday, January 14, 2006

Essay 2

Strukturalismus

Erläutere die zentralen Interessen des Strukturalismus Lévi-Strauss’scher Prägung. Wie ist die Bedeutung des strukturalistischen Ansatzes aus heutiger Sicht zu bewerten, auf welche Forschungsbereiche konzentrierten sich nachfolgende AnthropologInnen und warum?


1. Begriffserklärung

Der Strukturalismus ist eine interdisziplinäre Theorie, die sowohl in der Ethnologie als auch in der Linguistik des frühen 20. Jahrhunderts ihren Ursprung sieht, aber ebenso andere verwandte Disziplinen (Semiotik, Mathematik, Geschichte, Philosophie, Psychologie) stark beeinflusste. [1]

Ebenso wie der Struktur-Funktionalismus eines Radcliffe-Brown, beschäftigt sich der Strukturalismus mit sozialen Phänomenen, dennoch ist der zweiten Disziplin eigen, dass sie sich eher auf die Beziehungen der Phänomene zueinander konzentriert als auf diese selbst. Dies bedeutet, dass die Betrachtung der einzelnen Elemente sozialer Phänomene nicht die Bedeutung dieser selbst erschließt, sondern, dass erst durch die Verbindung und die Beziehung der Einzelheiten zueinander eine tiefere Bedeutung und in späterer Folge ein System konstruiert werden kann. [2]

Um soziale und kulturelle Phänomene überhaupt analysieren zu können, ist es notwendig, die Organisation dieser Systeme von Beziehungen zu erforschen, welche schlussendlich zur eigentlichen Struktur führt. [1] Ebenso essentiell ist der holistische Ansatz, der einen vom Ganzen ausgehen lässt und besagt, „(...) dass die Gesetze der höheren Bereiche in vereinfachter Form auch für die jeweils niederen gelten“. [3]
Weiters bedient sich der Strukturalismus der deduktiven Beweisführung, bei welcher man vom Allgemeinen auf das Besondere schließt.
Der Strukturalismus beschäftigt sich aber nicht nur mit gesellschaftlichen Strukturen, sondern auch mit den Grundstrukturen des menschlichen Denkens.

Als anthropologische Disziplin ist der Strukturalismus primär mit dem französischen Philosophen und Anthropologen Claude Lévi-Strauss in Verbindung zu bringen, auf welchen ich im Folgenden näher eingehen werde:

2. Claude Lévi-Strauss

2.1. Biographisches

Claude Lévi-Strauss wurde 1908 in Brüssel als Sohn eines Künstlers geboren. Von 1927 bis 1932 studierte er Rechtswissenschaften und Philosophie in Paris und wurde schließlich von 1934 bis 1938 Professor für Soziologie an der neu eröffneten Universität von Sao Paulo. [4]

Von dort aus unternahm er einige Reisen ins brasilianische Amazonasgebiet, wo auch seine erste Feldforschung bei den Bororo-Indianern stattfand. Dennoch betrieb Lévi-Strauss Feldforschung nicht im Sinne eines Malinowski, seine Amazonas-Touren waren eher im Stil zwischen Armchair Anthropologists und den Langzeitstudien der britischen und französischen Anthropologie. [5]

Während des zweiten Weltkrieges ging Lévi-Strauss ins Exil nach New York, wo er auf die strukturale Linguistik Roman Jakobsons und auf den Kulturrelativismus des Franz Boas trifft.
Als weitere Einflüsse sind außerdem die frühe britische Anthropologie (Tylor, Frazer), Freuds Psychoanalyse, De Saussures linguistische Theorien, die Hegelianische Dialektik, und die Idee des Austausches von Mauss zu nennen.
Karl Marx prägte ebenso sein Denken, dies wird besonders in der Arbeitsweise, nicht nur Tiefenstrukturen mit Oberflächenstrukturen, sondern auch Tiefenstrukturen untereinander zu vergleichen, deutlich. [6]

2.2. Arbeitsweise

Aus eben genannten Einflüssen heraus entwickelte Levi-Strauss seine Theorie der Struktur als System von Beziehungen, in welcher die Natur der Beziehung gleich bleibt, auch wenn sich ihr Inhalt verändert. [7] Laut Lévi-Strauss kann man Kultur durch Strukturen erklären, die einheitlich und miteinander vergleichbar sind. In seinem Werk „Les structures élementaires de la parenté“ (Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft) widmet er sich diesem Thema ausführlich.

Lévi-Strauss ist also in seiner Theoriebildung stets darum bemüht, in allen sozialen und kulturellen Phänomenen eine gleiche oder ähnliche Struktur zu finden, die dieses selbst erklärt. [8] Somit ist der Strukturalismus nach Lévi-Strauss daran zu erkennen, dass ihm eine Zerlegung des zu erforschenden „Materials“ zugrunde liegt, um mit den abstrahierten und unveränderlichen Einzelteilen eine Art Modell zu bilden, das einen universellen Charakter aufweist. Diese kleinsten Einheiten müssen „(...) so angeordnet sein, dass die Veränderung eines von ihnen eine Veränderung aller übrigen nach sich zieht“[9]

Zu Lévi-Strauss wichtigsten Werken zählen „Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft“ (1949), „Traurige Tropen“ (1955), „Das Wilde Denken“ (1962), sowie das vierbändige „Mythotologica“ (1964-1971). [10]

In diesen Werken konzentriert er sich vorrangig auf zwei große Themenbereiche: Mythos und Verwandtschaft – im Besonderen geht er hierbei auf die sozialen Bande zwischenmenschlicher Beziehungen ein. Lévi-Strauss ist stets darum bemüht, einfache binäre Strukturen herauszufiltern, welche sich immer auf die Grundgegenstände zwischen Natur und Kultur beziehen. Er sucht also nach den elementaren menschlichen Denkstrukturen, die auf biologischen Tatsachen beruhen, das heißt, er nimmt an, dass die biologische Grundausstattung bei jedem Menschen ident ist. [11]

Wie bereits erwähnt, wurden Lévi-Strauss Theorien wesentlich geprägt durch die strukturalistische Linguistik und ihre Vertreter Ferdinand De Saussure und Roman Jakobson. Von diesen übernimmt er die Unterscheidung binärer Oppositionspaare. Eines dieser Gegensatzpaare ist das der „langue“ und der „parole“. Unter Langue versteht man die Sprache als abstraktes System von Zeichen, während Parole das Sprechen selbst, genauer einzelne sprachliche Äußerungen, bezeichnet. Wichtig daran ist, dass die einzelnen sprachlichen Äußerungen im Laufe der Zeit weitergegeben werden, die Sprache selbst ist jedoch fest verankert und unveränderlich in der Zeitspanne dieser Äußerungen. [8]

Die strukturalistische Sprachwissenschaft geht davon aus, dass das menschliche Denken mitunter durch Sprache bestimmt wird. Die Betrachtung dieser kann entweder synchron (gegenwartsbezogen) oder diachron (geschichtsbezogen) erfolgen.
Der Ansatz hinter diesen Theorien ist, dass menschliche Denkstrukturen Strukturen der Natur wiedergeben bzw. nachahmen. [12] Als Beispiel hierfür dienen Verkehrsampeln, welche mit ihrem natürlichen Farbspektrum von rot, gelb und grün, die von der Natur gegebene Assoziation widerspiegeln (rot-Gefahr, etc.).
Diese Denkprozesse sind in allen Gesellschaften gleich, nur ihr Ausmaß ist variabel.

In den „Elementaren Strukturen der Verwandtschaft“ konzentriert sich Lévi-Strauss auf die Heiratsbeziehungen verschiedener Kulturen, welche neue soziale Strukturen schaffen. Mit dieser Allianztheorie bringt er einen innovativen Ansatz in die ethnologische Analyse von Verwandtschaftsbeziehungen, da bis zu jenem Zeitpunkt ausschließlich Abstammungs-, bzw. Deszendenzmuster untersucht wurden. Wie sich nach vorangegangenen Ausführungen zu Lévi-Strauss vermuten lässt, sucht er auch hierbei wieder nach der Struktur, nach der elementarsten und unveränderlichsten Form, die existiert. [13]

Weiters widmet er sich in diesem Werk auch dem Inzest-Tabu, das in jeder Gesellschaft der Welt zu existieren scheint, da es universell ist, ist es zugleich auch natureller Natur [14] - zu unterscheiden sind jedoch einfache und komplexe Verwandtschaftssysteme. Einfache oder elementare Strukturen sind in Gesellschaften mit positiven Heiratsregeln (Vorgabe, wer zu ehelichen ist) zu finden, während komplexe in solchen mit negativen Heiratsregeln (wenig Verbote) auftreten.
Lévi-Strauss entwickelt Mauss Idee des Austausches weiter, indem er davon ausgeht, dass einer Heirat immer der Akt des Tausches zugrunde liegt. Diese Theorie des Frauentausches ist jedoch von anderen Wissenschaftern (u.a. Heritiér) revidiert worden und daher aus heutiger Sicht überholt und als falsch zu beurteilen. [15]

Die Werke „Das Wilde Denken“ und „Mythotologica 1-4“ befassen sich mit der Mythenanalyse. Im Letzteren bedient er sich erneut der strukturalistischen Methode, um süd- und nordamerikanische Mythen miteinander zu vergleichen und schließlich zu der Erkenntnis zu kommen, dass sie einander sehr ähneln. Die zwei essentiellsten Oppositionspaare, die Lévi-Strauss in diesen Mythen erkennt, sind die zwischen „nackt und bekleidet“ und „roh und gekocht“. [16]

3. Schlussfolgerung

Da der Rahmen dieses Essays nicht ausreicht, um detailliert auf Lévi-Strauss Theorien einzugehen, seien hier die essentiellsten Ansätze erwähnt: er zeigt, dass es in allen Kulturen und Gesellschaften – so unterschiedlich diese auch sein mögen - grundsätzliche Gemeinsamkeiten in den Denkstrukturen gibt. Er setzt die Form vor den eigentlichen Inhalt und versucht in allen Phänomenen eine einheitliche Struktur zu finden, die diese selbst erklärt.

Lévi-Strauss beeinflusste zahlreiche nachfolgende Anthropologen (Godelier, Meillassoux, Heritier, Leach, Douglas, Das, u.v.a.), ebenso wie die strukturale Anthropologie auch auf andere Nachbardisziplinen (Soziologie, Philosophie, Semiotik, Systemtheorie, Psychoanalyse, etc.) Auswirkung hatte - auch wenn jede dieser Disziplinen ihren eigenen Schwerpunkt hegte. [16]
Vor allem für die Verwandtschaftsforschung war er mit seiner Allianztheorie wegweisend.
Viele Methoden des Strukturalismus wurden im Postrukturalismus (Barthes, Foucault, Lyotard, Bourdieu, u.v.a)widerlegt.
[17]

Angezweifelt wurden an Lévi-Strauss sowohl seine Fähigkeiten in der Feldforschung, als auch die Universalität einiger seiner Theorien (Frauentausch, Binarität im menschlichen Denken). Weiters wurde behauptet, dass er vorschnell interpretierte und dabei ethnographisches Material außer Acht ließ. Er war außerdem ein Verfechter der synchronen Betrachtungsweise, welche ihm den Ruf der Geschichtsfeindlichkeit einbrachte. [18]

4. Quellenangabe

PARKIN, Robert: Durkheim and His Era, in: Barth, Fredrik, u.a.: One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago: The University of Chicago Press 2005

LEACH, Edmund: Claude Lévi-Strauss zur Einführung. Dresden: Junius Verlag GmbH 1991

KOHL, Karl-Heinz: Ethnologie – die Wissenschaft vom kulturell Fremden. Eine Einführung. München: Beck 1993

PLATENKAMP, Jos D.M.: Strukturalismus in der Ethnologie, in: Fischer, Hans und Beer, Bettina (Hg.): Ethnologie. Einführung und Überblick. Berlin: Reimer Verlag 2003

HIRSCHBERG, Walter: Wörterbuch der Völkerkunde. Berlin: Reimer Verlag 1999

BARNARD, Alan: History and Anthropology. Cambridge Univ. Press 2004

http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~tkirrste/claude_levi_strauss.html) am 10.01.2006

http://www.philolex.de/struktur.htm am 10.01.2006

http://www.wissen.de/ am 10.01.2006


[1] vgl. Platenkamp 2003:295f
[2] vgl. Hirschberg 1999:358
[3] zit. www.wissen.de
[4] vgl. Leach 1991:11
[5] vgl. Parkin 2005:208
[6] vgl. Parkin 2005:209f
[7] vgl. Parkin 2005:210
[8] vgl. Kohl 1993:142
[9] zit. Kohl 1993:143
[10] vgl. Leach 1991:12f
[11] vgl. Leach 1991:28
[12] vgl. Leach 1991:23f
[13] vgl. Leach 1991:107fff
[14] vgl. Parkin 2005:212
[15] vgl. Kohl 1993:141
[16] vgl. Kohl 1993:143
[17] vgl. http://www.philolex.de/struktur.htm
[18]vgl.http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~tkirrste/claude_levi_strauss.html)

Thursday, November 24, 2005

Essay 1

Leonora Gusenbauer 0105438
Tutorium zur Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie, WS 05/06


Thema 4:
Welche Spezifika seines Werkes machen Durkheim zu einem wichtigen Einflussgeber der anthropologischen (bzw. sozialwissenschaftlichen) Theorienbildung des 20. Jahrhunderts?
Worin bestehen die Neuerungen im Denken Durkheims, die spätere Forschungsrichtungen inspirierten?
___________________________________________________________________________________________________________

1. Zur Person

Émile Durkheim (1858-1917) war ein französischer Philosoph und Soziologe, der neben Max Weber und Karl Marx als einer der Gründerväter der Soziologie gilt. Aber nicht nur in dieser Disziplin war er Wegbereiter, er übte darüber hinaus auch auf zahlreiche Nachbarfächer (Psychologie, Pädagogik, Politik, Linguistik) enormen Einfluss aus. [1] Speziell für die Entwicklung der modernen europäischen Anthropologie ist er mit seinen Vorgängern Morgan und Tylor, und seinen Nachfolgern Malinowski und Mauss, zum größten Teil verantwortlich.

Im Jahr 1898 gründet Durkheim die Zeitschrift „Année Sociologique“, die aufgrund ihrer Interdisziplinarität sehr revolutionär war und die wissenschaftliche Diskussion jener Zeit anregte.

Ein wichtiger Aspekt in der Arbeitsweise Durkheims ist, dass er zu den „Armchair Anthropologists“ zählte, das heißt, dass er zu keiner Zeit selbst Feldforschungen durchführte, sondern auf die ethnographischen Fähigkeiten anderer vertraute und auf deren Aufzeichnungen zurückgriff. [2]



2. Grundlegende Denkansätze

Im Zentrum der Lehre Durkheims steht die gesellschaftliche Einheit [3] und deren Religion. Gesellschaften werden durch Strukturen und Funktionen zusammengehalten, dabei steht die Gesellschaft als Ganzes, und nicht das Individuum selbst im Mittelpunkt seines Interesses.

Das „Soziale“ an sich kann man also nicht auf die Verhaltensweisen Einzelner reduzieren, sondern man muss diese stets im Kontext zu den Verhaltensweisen anderer sehen [4]. Daraus resultiert Durkheims methodologischer Grundsatz, dass das Soziale nur durch das Soziale selbst, und nicht durch psychologische oder andere ideologische Ansätze, erklärbar ist [5]. Soziale Phänomene (soziale Faktoren, Strömungen und kollektive Vorstellungen) sind dem Menschen nicht angeboren, sondern anerzogen, und deshalb äußerlicher Natur und nicht universeller. [6]

Des Weiteren versuchte Durkheim kontinuierlich, Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede zwischen Gesellschaften herauszuarbeiten – er untersuchte somit nie nur eine Gesellschaft, ohne diese mit anderen zu vergleichen. Wenn er sich mit fremden Kulturen beschäftigte, dann hinterfragte er auch gleichzeitig die eigene. Hieran erkennt man die komparative Arbeitsweise, der Durkheim fortwährend nachging.

Durkheims Studien zur Religion, die er in späteren Jahren verfasste, sind die anthropologischsten seines Werks und repräsentieren zudem seine Einstellung und sein Denken am Besten. [7]

Zu Durkheims wichtigsten und einflussreichsten Werken zählen deshalb die Gesellschafts- und Religionsstudien „De la division du travail social“, „Le suicide“ und „Les formes élémentaires de la vie religieuse“. Auf diese drei einflussreichen Werke werde ich daher im Folgenden detaillierter eingehen:


3. Elementare Werke

3.1. „De la division du travail social“ (Über soziale Arbeitsteilung, 1893)

In der Dissertation Durkheims spielt das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft eine große Rolle. Dieses Thema spiegelt zugleich auch das Grundthema in der Durkheimschen Lehre wieder und befasst sich primär mit den Fragen, wie eine Masse an Individuen zur Gesellschaft wird, und wie diese wiederum eine gemeinsame Einheit findet, die die Voraussetzung für das Leben in einer Gemeinschaft bildet und soziale Ordnung herstellt. [8]
Durkheim beantwortete diese elementaren Fragen mit dem Anführen der Arbeitsteilung und der Differenzierung zweier Formen der Solidarität: der mechanischen und der organischen Solidarität.

Ausgangspunkt für die Bildung ersterer Solidarität sind archaische Gesellschaften (Tribes), die aus kleineren Einheiten (Clans) bestehen. In diesen Einheiten herrscht ein sehr starkes Kollektivbewusstsein, das sich in einer „Solidarität durch Ähnlichkeit“ manifestiert. Die Einzelnen divergieren nur wenig, da sie dieselben moralischen Werte und Empfindungen, die gleiche Geschichte und Identität haben und ein und derselben Religion angehören. Dadurch entsteht der soziale Zusammenhalt in traditionellen Gesellschaften, in denen der Einzelne historisch gesehen austauschbar ist, ebenso wie der Klan selbst durch einen anderen ersetzt werden kann. Dies führt zu keinerlei Auswirkung für die Gesellschaft an sich. [8]

Eben genannte Austauschbarkeit des Einzelnen ist ein wichtiger Aspekt in der Lehre Durkheims und zieht sich in ebenso konsequenter Weise durch seine Werke, wie der Begriff des „Kollektivbewusstseins“, den Durkheim folgendermaßen definiert: „Kollektivbewusstsein ist die Gesamtheit der den Durchschnittsmitgliedern einer Gesellschaft gemeinsamen Überzeugungen und Gefühle“. [9]

Im Gegensatz zu der aus Ähnlichkeit entstehenden mechanischen Solidarität, beruht die organische Solidarität auf der Differenzierung. [8] In modernen Industriegesellschaften entsteht durch die Individualität und Unterschiedlichkeit des Einzelnen, eine gemeinsame Einheit – ein neues Kollektivbewusstsein - und somit auch der soziale Zusammenhalt. Der Einzelne ist durch die Spezialisierung der Berufe auf den Anderen angewiesen.
Wie wir an heutigen Gesellschaften erkennen können, kann diese Form der Differenzierung aber auch das Gegenteil, nämlich Wettbewerb und Konflikt, bewirken.

Das Wort „Arbeitsteilung“ in der Verwendungsweise Durkheims darf nicht im wirtschaftswissenschaftlichen Kontext interpretiert werden, vielmehr meint er damit die Spezialisierung von Berufen und „[...] die Vermehrung der industriellen Tätigkeiten“. [9]


3.2. „Le Suicide“ (Der Selbstmord, 1897)

Dieses Werk Durkheims, in dem er sich mit dem Phänomen des Selbstmordes auseinandersetzt, gründet sehr stark auf seine Ausführungen über die Arbeitsteilung.
Ebenso wie in „De la division du travail social“ vergleicht er Gesellschaften miteinander, um zu einer allgemeingültigen These zu kommen. Auch hier zeigt sich wieder die Betonung Durkheims auf das Verhältnis des Einzelnen zur Gruppe, denn „[...] das Einzelschicksal wird von der kollektiven Wirklichkeit beeinflusst“. [10]

Bereits im ersten angeführten Werk wirft Durkheim den Begriff der „Anomie“ auf, dessen Definition er hierin weiterführt. Anomie bedeutet im Allgemeinen „Gesetzlosigkeit“, im Speziellen bezeichnet dieses Wort aber den Rückgang von geltenden Verhaltensnormen und Werten, der in einer Störung der Sozialstruktur mündet und in weiterer Folge zur Störung der Gesellschaft führt. [11]

Nach Durkheims Auffassung ist der Selbstmord kein Akt, der nur auf psychologischen oder genetischen Ursachen beruht, den Beweggrund der Nachahmung schließt er ebenso aus. Vielmehr ist Selbstmord für Durkheim ein sozialer Akt mit sozialer Determination und variiert von Gesellschaft zu Gesellschaft. Hieran lässt sich erneut die elementare Bedeutung der Bestimmung des Sozialen erkennen, die Durkheim so stark propagiert.

Ferner führt Durkheim drei unterschiedliche Typen des Selbstmords an: den egoistischen, den altruistischen und den anomischen Selbstmord. [12] Vereinfacht gesehen würde der egoistische Selbstmord bedeuten, dass der Mensch, der ihn ausübt, nicht oder nicht mehr in die Gesellschaft integriert ist und somit mehr an sich selbst als an die Gemeinschaft denkt. Die altruistische Form des Selbstmordes wird nicht durch individuelle Bestimmung, sondern aufgrund der selbstlosen Unterordnung in eine bestimmte Gruppe, verübt. Der Einzelne unterliegt also den kollektiven Bestimmungen und Handlungen. Als Beispiel hierfür dient die indische Witwe, die sich mit ihrem verstorbenen Mann verbrennen lässt.

Der dritte Typ des Selbstmordes ist der anomische, dem „[...]eine statistische Wechselbeziehung zwischen der Häufigkeit der Selbstmorde und den Phasen des ökonomischen Zyklus“ innewohnt. [13] Die Selbstmordrate in Zeiten wirtschaftlicher Krisen und in Zeiten des Wohlstandes ist höher als zu Zeiten bedeutender politischer Ereignisse, wie zum Beispiel Kriege es sind. Verantwortlich für den Selbstmord aus Anomie sind demnach die Lebensbedingungen in Industriegesellschaften.


3.3. „Les formes élémentaires de la vie religieuse“ (Die elementaren Formen des religiösen Lebens, 1912)

Dieses Werk Durkheims ist wohl das bedeutendste und tiefgründigste seines Schaffens. Durch die Untersuchung der für ihn „primitivsten“ Religionsform, dem Totemismus, stellt er eine allgemeine Religionstheorie auf, die auf alle Religionen, auch auf so genannte „höhere“, zutreffen soll. Hieran erkennt man erneut Durkheims Einstellung, dass durch die Untersuchung der primitivsten und elementarsten Form eines sozialen Phänomens dessen Wesenszüge erkennbar sind. So versucht er also durch die Fokussierung auf die Grundvorstellungen und Rituale einer Religion, eine universelle religiöse Theorie aufzustellen. [14] In diesem speziellen Fall will er den australischen Totemismus mittels der Begriffe „Klan“ und „Totem“ untersuchen und zur religiösen Universalie machen.

Durkheim ist primär der Meinung, dass eine Gesellschaft, die ihre Götter verehrt, in Wirklichkeit nur sich selbst anbete, denn: „Die religiösen Interessen sind nur die symbolische Form sozialer und moralischer Interessen“. [15] Sein Beweis dafür ist das Totem, das Zeichen für den Klan selbst ist. Indem der Klan das Totem anbetet, verehrt er somit nur sich selbst.

Von ebenso großer Bedeutung ist die Durkheimsche Dichotomie der Welt in einen sakralen und einen profanen Bereich. Ersterer besteht aus einer Gesamtheit an Dingen, Überzeugungen und rituellen Handlungen. [16] Im Gegensatz dazu ist der profane, also weltliche Bereich, alltäglich und besteht aus praktischen Erfahrungen. In gewisser Weise hat Durkheim selbst die Transformation vom Sakralen zum Profanen durchgemacht, da er aus einer religiösen Rabbinerfamilie stammt, sich aber später von dieser Religion distanziert.

Die Annahme Durkheims, dass jede Gesellschaft eine Zweiteilung in Sakrales und Profanes aufweist, ist jedoch nicht universell und daher aus heutiger Sicht überholt.

Auch in „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ greift Durkheim immer wieder auf seine Thesen zur Arbeitsteilung zurück.


4. Resümee

Anhand dieser Ausführungen soll der Grundgedanke Durkheims erkannt werden, der die Gesellschaft über das Individuum stellt, da dieses nur ein Produkt der Gesellschaft selbst ist und durch ebendiese geprägt wird. Eine weitere Annahme Durkheims ist, dass soziale Phänomene nur durch das Soziale selbst zu verstehen sind. Auch die komparative Arbeitsweise, die eine Gesellschaft stets in den Kontext zu einer anderen Gesellschaft stellt, aber die eigene dabei nicht aus den Augen verliert, ist mitunter auf Durkheim zurückzuführen.

Durkheim griff als Erster die Widersprüchlichkeit der Industriegesellschaft auf und zeigte, dass der Einzelne in solch moderner Gesellschaft durchaus abhängig von den anderen ist, aber auch einen höheren Grad an Individualität aufweist als eine Person in archaischen Gesellschaften. [2]

Nicht alle Theorien Durkheims sind für bare Münze zu halten und daher kritisch zu betrachten, da einige revidiert wurden und aus heutiger Sicht nicht universell erscheinen.

Dennoch war Durkheim ein interdisziplinärer Wegbereiter und Meisterdenker, der verschiedenste Bereiche der Wissenschaft prägte und speziell in der Kultur- und Sozialanthropologie seine Spuren hinterließ. Er legte unter anderem den Grundstein für den britischen Funktionalismus und den französischen Strukturalismus [17] (in gewisser Weise auch für den amerikanischen Kulturrelativismus) und beeinflusste dadurch große Namen der Anthropologie (Alfred R. Radcliffe-Brown, Bronislaw Malinowski), sowie der Soziologie (René König, Pierre Bourdieu).


5. Quellenangabe

PARKIN, Robert: Durkheim and His Era, in: Barth, Fredrik, u. a.: One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology. Chicago: The University of Chicago Press 2005

ARON, Raymond: Hauptströmungen des soziologischen Denkens, 2. Bd. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1971

MÜLLER, Hans-Peter: Emile Durkheim, in: Kaesler, Dirk (Hrsg.): Klassiker der Soziologie 1. München: Beck 1999

BALOG, Andreas: Neue Entwicklungen in der soziologischen Theorie. Stuttgart: Lucius & Lucius 2001

GINGRICH, André: Erkundungen. Themen der ethnologischen Forschung. Wien: Böhlau 1999, Kapitel 11

http://www.wissen.de/xt/default.do?MENUNAME=Suche&SEARCHTYPE=topic&query=Anomie
(am 22.11.2005)

http://de.wikipedia.org/wiki/Emile_Durkheim (am 22.11.2005)


[1] vgl. Müller 1999:166f.
[2] vgl. http://de.wikipedia.org/
[3] vgl. Aron 1971:15
[4] vgl. Balog 2001:45
[5] vgl. Müller 1999:155
[6] vgl. Müller 1999:154
[7] vgl. Parkin 2005:72f.
[8] vgl. Aron 1971:20
[9] Aron 1971:22
[10] Aron 1971:30
[11] vgl. http://www.wissen.de/
[12] vgl. Aron 1971:34f.
[13] Aron 1971:35
[14] vgl. Müller 1999:163
[15] Aron 1971:43
[16] vgl. Aron 1971:44
[17] vgl. Gingrich 1999:182fff.




Wien, am 24.11.05

Wednesday, November 16, 2005

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